Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass die Ergebnisse der Aktienfonds 2022 extrem unterschiedlich ausfielen: Während manche Aktienfonds gegen den Trend Gewinne erzielen konnten, gab es andere, die mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Während sogenannte „Value“-Aktienfonds, die in niedrig bewertete Substanzaktien investieren, überdurchschnittlich gut abschnitten, gehören die meisten Themenfonds zu den größeren Verlierern. Laut einer Untersuchung des Analyseunternehmens Scope erzielten nur 3 von 132 in Deutschland angebotenen Themenfonds 2022 einen Gewinn. Demnach bescherten 98 Prozent der Themenfonds ihren Anlegern Verluste. Zudem war der Anteilspreisrückgang bei die meisten Themenfonds höher als der Kursrückgang an den globalen Aktienmärkten: In den ersten elf Monaten des Jahres 2022, dem Untersuchungszeitraum, erzielte der Durchschnitt der globalen Multi-Themenfonds demnach ein Minus von 16 Prozent. Der Durchschnitt der 840 untersuchten Aktienfonds erzielte dagegen eine Performance von minus 11,2 Prozent. Noch deutlicher ist die Underperformance der Themenfonds im Vergleich mit dem Weltaktienindex MSCI World Index: Hier schnitten die untersuchten Themenfonds im Durchschnitt 9,7 Prozentpunkte schlechter ab.
Als größte Verlustbringer erwiesen sich Themen, die mit bestimmten Hochtechnologien zu tun haben, beispielsweise „disruptive Technologien“. Dabei reklamieren diese für sich, bei einem stattfindenden Wandel auf der Gewinnerseite zu stehen. Gerade von der thematischen Ausrichtung hatten sich die Anleger einen Schutz vor konjunkturellen und anderen wirtschaftlichen Risiken versprochen: Neue Schlüsseltechnologien sollten wachsen – unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur.
Die Achillesferse wurde aber übersehen: Je weniger sich die Bewertung der Aktien auf gegenwärtige Substanz und heutige Erlöse stützt, dafür mehr auf Wachstum und in der Zukunft liegende Gewinne, umso anfälliger sind die Aktienkurse für steigende Zinsen. Ein Cashflow von 100 Dollar, der in zehn Jahren erwartet wird, hat bei Zinsen von 0,5 Prozent einen Gegenwartswert von gut 95 Dollar. Steigen die Zinsen auf fünf Prozent, stürzt der Barwert der 100 Dollar auf nur 38,55 Dollar ab. An der Einschätzung zukünftiger Gewinne muss sich also gar nichts ändern, um in diesem Rechenbeispiel eine Wertminderung von 95 auf 38 Dollar - also um 60 Prozent - auszulösen.
Bis Ende 2021 kauften Aktienanleger bevorzugt „Zukunfts- und Wachstums-Stories“. In Deutschland wurden über 70 Milliarden Euro in Themenfonds investiert. Das ist schon unter „normalen Bedingungen“ riskant, denn die vermeintlich attraktive „Story“, die sich erzählen lässt, verstellt oft den Blick auf die Bewertung der Aktien. Und die ist meist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr günstig, denn die als attraktiv eingeschätzten Zukunftsaussichten der entsprechenden Unternehmen führen bei ihren Aktienkursen zu einem Bewertungsaufschlag: Höheres Wachstum rechtfertigt eine Prämie, einen Aufschlag auf die gegenwärtige Substanz.
2022 kam beides zusammen: Zum einen waren die Bewertungsaufschläge bis November 2021 stark gestiegen, zum anderen war der Zinsanstieg in 2022 ungewöhnlich. Beides zusammen führte zu Kursverlusten, die man als „Bewertungskorrektur“ werten muss, also als angemessene Anpassung an die Wirklichkeit.
Auch wenn man den Betrachtungszeitraum auf drei Jahre verlängert und damit zwei Jahre einbezieht, in denen sich Themenfonds überwiegend gut entwickeln konnten, verbleibt beim Durchschnitt der Multi-Themenfonds eine Underperformance gegenüber dem breiten Durchschnitt der Aktienfonds und gegenüber dem MSCI World.
Die Mehrheit der Themenfonds ist aktiv gemanagt, aber zunehmend reklamieren auch ETFs Themen für sich. Oft werden die zugrunde liegenden Aktienindizes eigens zu diesem Zweck entwickelt. Die Grenzen zu aktiv gemanagten Themenfonds sind somit fließend. Auch eine Analyse dieser Themen-ETFs zeigt ernüchternde Ergebnisse: Eine unlängst veröffentlichte Studie der Ohio State University zeigt, dass Themen-ETFs im Durchschnitt in den ersten fünf Jahren durchschnittlich 30 Prozent Rendite einbüßen. Hauptgrund der Underperformance auch hier: Themenfonds werden dann verkauft, wenn die entsprechenden Aktienkurse schon weit gestiegen sind. Häufig stehen die Einzelwerte, die in den neuen Fonds gebündelt werden, auf Spitzenwerten nahe ihrer Allzeithochs und sind entsprechend teuer bewertet.
Themenfonds sind im Durchschnitt noch vergleichsweise jung. Auch das ist ein Hinweis auf die höheren Risiken, denn oft erweisen sich Themen nach ein paar Jahren doch nicht als gute Basis für eine Aktienauswahl, schon gar nicht in Zeiten steigender Zinsen. Solange die Märkte mit billiger Notenbank-Liquidität geflutet wurden, profitierten gerade die Aktien von jungen, noch unprofitablen Unternehmen. Mit der Rückkehr der Inflation und der Zinsen reichte das zukunftsträchtige Thema nicht mehr.
Die Inflation ist zwar nicht überwunden, aber der größere Teil des Zinsanstiegs dürfte hinter uns liegen. Damit lässt der Druck von der Zinsseite allmählich nach. Nun müssen die Unternehmen beweisen, dass sich die zukunftsträchtigen Themen, die sie besetzen, tatsächlich in steigende Umsatzerlöse und Gewinne umwandeln lassen. Dann haben die Themenfonds, die in ihren Portefeuilles diese Aktien gesammelt haben, auch die besten Chancen, sich von den Verlusten des Jahres 2022 zu erholen.
