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„GlobAllocation“: Weltkonjunktur und Umfeld für Aktieninvestments

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Nachdem die US-Inflationsraten in den beiden Vormonaten jeweils über den Erwartungen gelegen hatten, wurden die Zahlen für den Oktober an den Börsen mit einem Freudensprung der Kurse quittiert. Das Preisniveau in den USA lag 7,7 Prozent über dem des Vorjahresmonats. Ohne Energie und Nahrungsmittel errechnete sich eine sogenannte „Kernrate“ von 6,3 Prozent.

Mit dem leichten Rückgang wird die Hoffnung verbunden, das Tempo des Preisanstiegs habe in den USA seinen Höchststand erreicht. Dann könnte auch die Notenbank das Tempo ihrer Leitzinserhöhungen verlangsamen.

Mitte Dezember steht die nächste Entscheidung der US-amerikanischen Notenbank „Fed“ über ihre Leitzinsen an. Mehrheitlich wird am Markt dann eine Erhöhung um einen halben Prozentpunkt („50 Basispunkte“) erwartet. Dies wäre das von den Börsen erhoffte Signal, dass sich das Tempo der Zinserhöhungen verlangsamt, denn die bisherigen vier Leitzinserhöhungen 2022 waren jeweils Schritte um Dreiviertel Prozent („75 Basispunkte“). Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was Investitionen von Unternehmen und größere Anschaffungen von Privathaushalten bremst. Dies wirkt zwar dämpfend auf die Inflation, aber auch auf die Konjunktur.

Diese Wirkungen der US-Geldpolitik dürften im ersten Halbjahr 2023 spürbar werden. Die Börse hofft auf einen Rückgang der Inflation, ohne dass die Wirtschaft in eine Rezession abgleitet. Das würde es der Notenbank erlauben, ihre Zinserhöhungen zu beenden. Andererseits zeigte der US-Arbeitsmarkt bislang erst wenig Schwächen: Hohe Beschäftigung und geringe Arbeitslosigkeit schlagen sich auf dem wenig regulierten US-Arbeitsmarkt in der Regel in stärker steigenden (Stunden-) Löhnen nieder. Stark steigende Löhne würden die Inflation weiter befeuern. In der Tendenz dürfte der Arbeitsmarkt aber schwächer werden, also die Arbeitslosigkeit steigen. Das wiederum dürfte die US-Notenbank bewegen, mit ihren Zinserhöhungen aufzuhören. Befürworter einer lockeren Geldpolitik warnen jetzt bereits vor einem „Überschießen“ oder „Übersteuern“ durch die US-Notenbank.

Vergleiche mit den 1970er Jahren zeigen aber auch die Risiken einer zu schnellen Abkehr von den hohen Zinsen: Damals pendelte die Inflationsrate nach einer Beruhigung mehrfach wieder nach oben, nachdem man geglaubt hatte, die Inflation eingedämmt zu haben und bei den Leitzinsen nachgab. Jeder Anstieg der Inflation ging dann über die vorherigen hinaus. Letztendlich konnte die beschleunigte Inflation nur mit Zinsen eingefangen werden, die über der Inflationsrate lagen. Bis ist bislang nicht der Fall: Die Kernrate der Inflation stieg um 6,3 Prozent (Preise ohne Nahrung und Energie im Oktober gegenüber Oktober 2021), die Fed Funds Rate wurde erst auf bis zu 4,0 Prozent erhöht. Wahrscheinlich ist also ein Szenario, bei dem die (Kern-) Inflationsrate im ersten Halbjahr 2023 unter fünf Prozent fällt, während die Fed Funds Rate bis auf rund fünf Prozent angehoben wird. Es sei daran erinnert, dass das offizielle Ziel eine Inflationsrate von nur zwei Prozent ist. Der Gegenwind der Geldpolitik wird also allenfalls schwächer, endet aber noch nicht. Eher optimistische Börsenexperten, die davon ausgehen, dass die Börsenkurse in den vergangenen Wochen die Tiefstkurse gesehen haben, gehen davon aus, dass ein Rückgang der Inflation im kommenden Jahr Spielraum für eine weitreichende Kurserholung geben wird. Pessimisten befürchtet dagegen, dass der Kampf gegen die Inflation auch im nächsten Jahr mit Zinserhöhungen fortgesetzt werden muss. Die Experten der Fondsgesellschaft Fidelity verwiesen jüngst noch darauf, dass die hartnäckig hohe Inflation es den Zentralbanken erschwere, das Tempo ihrer Zinserhöhungen zu verlangsamen und das Wachstum stärker zu stützen. Steigende Zinsen und hohe Energiepreise würden allgemein die gesamtwirtschaftliche Nachfrage belasten. Speziell in Europa sei das Rezessionsrisiko hoch. Gegenüber Risiko-Anlagen wie Aktien bleibe daher weiterhin eine defensive Haltung angebracht, auch wenn eine künftig etwas weniger offensive Straffung der Geldpolitik denkbar sei.

Bei Anleihen seien unter Risikoaspekten Staatsanleihen derzeit zu bevorzugen. Die großen Unsicherheiten auf politischer Ebene sprächen für eine breite Risikostreuung. Bei Unternehmensanleihen solle man aufgrund ihrer defensiven Qualitäten Anleihen von Unternehmen mit höherer Bonität bevorzugen, sogenannte „Investment-Grade“-Papiere. Denn bei den riskanteren, aber höher verzinste Unternehmensanleihen aus dem sogenannten „High-Yield“-Bereich könne sich die Lage der Unternehmen aufgrund der Rezessionsgefahren verschlechtern.

Dass die Notenbanken ihren Zinserhöhungszyklus schnell beenden, erwarten auch die Experten der großen deutschen Fondsgesellschaft DWS nicht. Die Aussagen von US-Notenbankchef Powell und EZB-Präsidentin Lagarde ließen eine solche Interpretation nicht zu. „Wir glauben allerdings, dass die Zinserhöhungen nur zu einer leichten Rezession führen werden“, erklärte Björn Jesch, Chefanlagestratege der DWS. Die negative Seite sei, dass das Wachstum in der Nachkrisenzeit für einen längeren Zeitraum deutlich schwächer ausfallen könne als in der Vergangenheit. Denn gerade bei bislang so zuverlässigen Antriebskomponenten wie dem Globalisierungstrend und dem rasanten Wachstum der chinesischen Wirtschaft gäbe es „doch einige Fragezeichen“. Speziell bei Unternehmensanleihen sehe man bei der DWS „wieder eine ernstzunehmende Alternative zu Aktien“. Wobei aber auch die DWS auf die geopolitischen Risiken verweist.

Christoph Schmidt, Co-Fondsmanager des Fonds DWS Concept Kaldemorgen und Leiter des Total-Return-Teams erklärt dazu: „Fünf Prozent Rendite bei einer Laufzeit von etwa fünf Jahren für Unternehmensanleihen mit einer ordentlichen Qualität. Das macht Anleihen nach langer Zeit wieder zu einer wirklichen Alternative zu Aktien“. In einem ausgewogenen Portfolio spielten Zinsanlagen wieder eine deutlich größere Rolle als in den letzten Jahren. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen – hohe Inflationsraten, starker Zinsanstieg – bestehe Anlass zur Hoffnung: Weil die Märkte sehr viel Negatives eingepreist hätten, sollten gerade langfristig orientierte Anleger jetzt ihr Augenmerk auf die Chancen richten. Wichtiger werde eine aktive Steuerung von Fremdwährungsrisiken. So liege allein der Dollar-Anteil beim MSCI-Welt bei 70 Prozent. Die Dollar-Stärke habe die Wertentwicklung globaler Indizes im laufenden Jahr massiv unterstützt, könnte aber bald an ihre Grenzen stoßen, so Schmidt. Bei Fidelity bleibt „in der kurzfristigen Perspektive“ der US-Dollar noch Favorit, der durch das Zinsniveau und die relativ widerstandsfähige Konjunktur in den Vereinigten Staaten gestützt werde. Skepsis sei aus taktischer Sicht nach wie vor gegenüber Währungen aus den Emerging Markets angebracht, die unter den wieder attraktiven US-Zinsen und der Abschwächung des Welthandels leiden würden. Auch bei Aktien hält man bei Fidelity US-Investments für „robuster“. Die Konjunkturdaten in den USA hätten sich trotz der Straffung der Geldpolitik besser gehalten als in Europa. Als „neutral“ bezeichnete man bei Fidelity unlängst die eigene Positionierung gegenüber Aktien aus asiatischen Volkwirtschaften und den Schwellenländern, denen die Abschwächung der Weltkonjunktur zu schaffen mache.

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