Begünstigt wird die seit Beginn dieses Jahres zu beobachtende KI-Euphorie unter Anlegern von Sorge vor einer Konjunkturschwäche. Wachstum ist dann wieder Mangelware, was zu einer steigenden Bereitschaft führt, für vermeintliche Wachstumsstorys wieder hohe Prämien zu bezahlen.
Eine solche tolle Story bietet beispielsweise die Aktie des Chip-Designers NVIDIA, die in nicht wenigen Fonds zu finden ist. Wer das Thema „KI“ für seinen Fonds reklamiert, kommt an NVIDIA kaum vorbei. Das Unternehmen nimmt in diesem Jahr immerhin 27 Milliarden Dollar ein. Bei einer Bruttorendite von über 15 Prozent bleiben 4,3 Milliarden Dollar Gewinn übrig. Verteilt man den auf die 2,47 Milliarden (!) Nvidia-Aktien, sind das rund 1,75 Dollar. Bei einem Aktienkurs von gut 420 Dollar kommt NVIDIA damit auf ein 2023er KGV von 240! Natürlich werden Umsatzerlöse und Gewinne in den nächsten Jahren stark steigen: NVIDIA mag schon bis 2025 seinen Gewinn pro Aktie auf rund 10 Dollar erhöhen, womit das KGV auf rund 40 fallen würde. Die Anleger schauen offenbar noch weiter in die Zukunft: Die 100-Milliarden-Umsatzmarke wird vielleicht 2027 oder 2028 überschritten, vielleicht, denn wer will das in der schnelllebigen High-Tech-Branche schon wissen. Aber auch wenn es so kommt, ist das erst ein Zehntel des aktuellen Börsenwertes von fast einer Billion Dollar. Kurzum: Hier sind bereits optimistische Szenarien für mehr als die nächsten fünf Jahre eingepreist. Wehe, die Wachstumsstory erhält auch nur Kratzer. Auf dem jetzt erreichten Kursniveau wird NVIDIA zu einer Spekulation mit hohen Risiken, wie die Börsengeschichte zeigt. Die natürliche Intelligenz der Anleger irrte sich oft. Gewinnern waren rückblickend immer jene, die die Euphorie zum Ausstieg nutzten, nicht jene, die erst in der Euphorie die entsprechenden Aktien kauften.
Sich jetzt noch kopflos auf „KI-Investments“ zu stürzen, könnte sich aber als Fehler erweisen. Die Schere zwischen unterbewerteten Value-Aktien und hoch bewerteten „Story“-Aktien hat sich seit Jahresbeginn wieder stark vergrößert. Die Chance auf weitere Kursgewinne ergibt sich nur noch daraus, dass andere Anleger bereit sind, noch höhere Wachstumsprämien zu bezahlen. Wehe, die Wachstumsstory erhält auch nur Kratzer.
Beispiele dafür, dass die Begeisterung für neue Technologien kein guter Anlageberater ist, wenn die Stimmung zu euphorisch geworden ist, gibt es in der Börsengeschichte zu genüge: Im Boom der „Nifty Fifty“-Aktien Anfang der später 1960er und 1970er Jahre galt beispielsweise Burroughs Corp als einer der zukunftsträchtigsten Zukunftswerte. Burroughs? Ja, die Börse begeisterte sich dereinst für Mainframe-Computer. Diese füllten ganze Räume und galten als wegweisend für das beginnende Computer-Zeitalter. Schon in den 1970er Jahren erwies sich die Mainframe-Euphorie als Blase. 1986 wurde die Burroughs Corporation bei einem Bruchteil des früheren Marktwertes zur Unisys Corp verschmolzen. In den 1980er Jahren zeigten „Personal Computer“, kurz PC, dass die Zukunft ganz anders aussehen würde, als man sich das vorgestellt hatte. Jetzt waren es PC-Aktien wie von der Tandon Corporation, bei denen für die „Zukunfts-Story“ hohe Bewertungsaufschläge akzeptiert wurden. Aktienkurs 1983 in der Spitze rund 35 Dollar, 1993 etwa 50 Cent. Dann Konkurs. In den 1980er Jahren steuerte auch japanische Aktien auf ihren Bewertungszenit zu. Wieder glaubten die Anleger, in Technologie-Aktien die Gewinner der Zukunft gefunden zu haben und bezahlten hohe Bewertungsaufschläge. Wieder kam es anders. „Die alten Regeln gelten nicht mehr.“ Zumindest für die „new economy“ Ende der 1990er Jahre sollte wieder alles anders sein. Aber weder AOL noch Yahoo wurden die Weltmarktführer im „big business“ Internet. Und auch die Mobilfunk-Konzerne Nokia und Ericsson waren wenige Jahre später nur noch Schatten ihrer selbst. Wieder einmal gingen hohe Bewertungsaufschläge einem langem Kursniedergang voraus. Gewinner waren immer jene, die die Euphorie zum Ausstieg nutzen, nicht jene, die erst in der Euphorie die entsprechenden Aktien kauften.
