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Börsenbericht: Differenzierte Entwicklung

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Im Mai hatte der politische Streit um die US-Staatsschuldenobergrenze auf den Börsen gelastet, auch wenn eine Einigung wie unzählige Male zuvor als wahrscheinlich galt. Auch diesmal wurde die Zahlungsunfähigkeit des größten Schuldners der Welt durch eine Anhebung der Schuldenobergrenze abgewendet. Die Einigung wurde zwar mit Erleichterung aufgenommen, zeigte aber an den Börsen nur begrenzte Wirkung, weil mehrheitlich mit einem Kompromiss gerechnet worden war. Die Aufmerksamkeit der Investoren wandte sich dann rasch den Themen Leitzinsen und Konjunktur zu. Der Anstieg der Beschäftigung auf dem US-Arbeitsmarkt ließ die Befürchtung weiterer Leitzinserhöhungen wiederkehren. Zwar legte die US-Notenbank, wie mehrheitlich erwartet, nach nunmehr zehn Leitzinserhöhungen in Folge eine Pause ein. Allerdings bereitete die Fed die Kapitalmärkte darauf vor, in diesem Jahr gegebenenfalls ihre Leitzinsen weitere zweimal anzuheben. Die Aussicht auf weiter steigende Zinsen drückte sowohl auf die Aktien- als auch Anleihekurse. Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte wie erwartet ihre Leitzinsen Mitte Juni um je einen Viertel Prozentpunkt. Der Hauptrefinanzierungssatz erreichte damit erstmals seit 2008 wieder 4,0 Prozent. Der Spitzenrefinanzierungssatz liegt seit Juni 2014 stets 25 Basispunkte darüber, jetzt also bei 4,25 Prozent. Umgekehrt erhalten Geschäftsbanken für ihre Guthaben bei der Zentralbank jetzt wieder 3,5 Prozent Zinsen. Dies ist sogar die höchste Verzinsung seit 2001. Im Zinserhöhungszyklus von 2005 bis 2008 hatte die EZB auch in der Spitze nicht mehr als 3,25 Prozent gezahlt. Trotzdem dürfte dieser Zinszyklus noch höhere Zinsen bringen, denn auch die europäischen Zentralbanker erhöhten ihre Inflationsprognose und bereiteten die Märkte auf weitere Zinsschritte vor.

Die unterschiedlichen Leitzinsentscheidungen von Fed und EZB lösten Mitte Juni an den Devisenbörsen eine Erholung des Euros gegenüber dem US-Dollar aus, weil der Zinsvorteil der US-Währung kleiner wurde. Ende Mai hatte ein Euro in der Spitze nur noch 1,063 Dollar gekostet, im Monatsverlauf dann zeitweilig 1,10 Dollar. Damit blieb der Wechselkurs aber in der seit den ersten Wochen dieses Jahres gültigen Bandbreite von 1,05 bis 1,11 Dollar pro Euro.

Positive Impulse gingen dagegen vom Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) aus. Der rasante technische Fortschritt in diesem Bereich sorgte für Kursphantasie. Aktien mit Bezug zum Thema „KI“ waren gefragt. Gute Quartalszahlen und Ausblick des Chip-Designers NVIDIA hatten im Mai die Erwartungen des Marktes deutlich übertroffen und einen Kurssprung ausgelöst. Im Juni kletterte die Aktie zunächst weiter. Der rechnerische Börsenwert des Unternehmens erhöhte sich auf über eine Billion Dollar.

Der Nasdaq-100-Index, in dem die NVIDIA-Aktie enthalten ist, setzte seine starke Erholungsrallye aus den ersten fünf Monaten des Jahres fort und überschritt erstmals seit April 2022 wieder die Marke von 15.000. Bis zum Rekordstand aus dem November 2021 fehlen dem Index noch rund 12 Prozent. Aber auch abseits der KI-Aktien überwogen an der Wallstreet die Kursgewinne. So kam der S&P-500 bis gut 4.400 voran und konnte damit einen Großteil der Kursverluste aus dem Jahr 2022 im ersten Halbjahr 2023 aufholen. Der populäre Dow Jones Industrial Average Index dagegen pendelte weiter um 34.000 Punkte und verzeichnet für das erste Halbjahr nur einen kleinen Zuwachs.

Auch an den europäischen Aktienbörsen mangelte es an stärkerem Aufwärtsmomentum. Das Umfeld aus schwacher Konjunkturentwicklung bei gleichzeitigen Zinserhöhungen spricht nicht für Aktien. Der Euro-STOXX-50 kam nicht über die bisherigen Jahreshochs bei rund 4.400 aus April und Mai hinaus. Allerdings fehlen dem Kursindex auch die Dividendenzahlungen, die überwiegend in diesem Zeitraum erfolgten und zu Dividendenabschlägen bei den Kursen führten. Beim Deutschen Aktienindex DAX werden in den meist betrachteten Performanceindex dagegen die gezahlten Dividenden eingerechnet. Deshalb erreichte der DAX ein neues Rekordhoch bei 16.427, bevor auch dieser Index in der zweiten Monatshälfte etwas zurückkam.

Der japanische Aktienmarkt konnte in der ersten Junihälfte an den Kursaufschwung im Mai anknüpfen. Mit rund 33.760 Punkten erreichte der Nikkei-225-Index den höchsten Stand seit 1990. Hintergrund dieses Kursaufschwungs ist die günstige Bewertung und die verbesserten Aussichten für die japanische Wirtschaft, die zu einem wachsenden Interesse von Investoren führen.

Die großen Anleihemärkte zeigten sich im Juni wenig verändert. Die Rendite der wegweisenden US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit pendelte um die Marke von 3,75 Prozent. Auch die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen bewegte sich im Monatsverlauf in einer vergleichsweise engen Spannbreite von 2,2 bis 2,5 Prozent.

Fallende Notierungen verzeichneten Edelmetalle. Nach einer Preisspitze Anfang Mai, bei dem der Goldpreis sein Rekordhoch bei 2.081 US-Dollar pro Unze einstellte, geriet der Goldpreis in einen leichten Abwärtstrend, der im Juni bis rund 1.900 Dollar führte. Offenbar ging vom Hoch Anfang Mai eher das Signal für Gewinnmitnahmen als für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends aus. Prozentual stärker fiel der Preisrückgang bei den anderen Edelmetallen.

Hohe Kursschwankungen gab es im Juni bei Kryptowährungen. Zunächst belasteten die Klageerhebung der US-Börsenaufsicht SEC gegen die Kryptobörsen Binance und Coinbase, weil die SEC Kryptowährungen als Wertpapiere einstuft. Als aber wenig später große Akteure aus der traditionellen Finanzbranche ihre Expansion in Richtung Digitalwährungen bekanntgaben, führte das in der zweiten Junihälfte zu einer Kurserholung. Der Bitcoin-Wechselkurs stieg über 30.000 Dollar und damit den höchsten Wert seit über einem Jahr.

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