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Die grüne Hydra

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Wer als Finanzdienstleister seine Kunden ab August diesen Jahres ESG- und MiFID-konform beraten will und sich darauf vorbereitet, individuelle Nachhaltigkeitspräferenzen zu ermitteln, um sie passenden Produkten zuzuordnen, fühlt sich mit Blick auf das aktuelle Regulierungswirrwarr oft an den Kampf mit der Hydra erinnert. Die sagenhafte Schlange mit den vielen nachwachsenden Köpfen, die Mensch und Tier bedrohte, steht sprichwörtlich für Situationen, in denen jeder Versuch ein Problem einzugrenzen oder zu unterdrücken lediglich zu seiner Vergrößerung führt.

Denn je tiefer man auf der Suche nach konkreten Antworten und Lösungen pflichtbewusst und um Nachhaltigkeit bemüht, in die regulative Materie einsteigt, umso mehr Fragen stellen sich eigentlich und umso weniger praktikabel erscheinen die Vorgaben in der Umsetzung. Soll die Beratung nach Taxonomie erfolgen, der es noch an der Konkretisierung in Form delegierter Rechtsakte fehlt? Sollen Finanzprodukte zum Einsatz kommen, die nach EU-Offenlegungsverordnung als nachhaltig einzustufen sind, ihre Reportings zunächst einmal aber schuldig bleiben? Oder sollen Finanzprodukte gewählt werden, die nachhaltige Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen und Mindestauschlusskriterien erfüllen? Wie schwer die Zuordnung fallen kann, mag man daran ablesen, dass ein Fonds nach allen drei Arten nachhaltig sein kann oder auch nur einzelnen oder keinen dieser Präferenzen genügen kann - von quotalen Gewichtungswünschen ganz zu schweigen.

Um es klar zu sagen, wenn selbst überzeugte Verfechter nachhaltiger Anlagestrategien unter den Finanzdienstleistern derzeit darüber nachdenken, ihren Kunden zukünftig nahezulegen, die an sie gerichtete Frage nach dem Wunsch zu einer nachhaltigen Anlageberatung zu verneinen, um administrativen Fallstricken und unbeabsichtigten Einschränkungen ihrer Anlagestrategien vorzubeugen, erweist die Regulierung dem Ziel der Sustainable Finance eine echten Bärendienst und droht zu scheitern.

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