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Der Anleihe-Crash

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Kursverluste von 6 bis 10 Prozent bezeichnet man an den Aktienbörsen nicht als Crash. An den Aktienmärkten gehören höhere Kursschwankungen zur Normalität – und ein Rückgang um einen einstelligen oder kleineren zweistelligen Prozentsatz wird meist schnell wieder aufgeholt.

Die Kursverluste, die Anleihen in den vergangenen Wochen erlitten haben, sind zwar prozentual nicht höher, aber sie wiegen schwerer – vor allem, weil kaum Chancen bestehen, sie in absehbarer Zeit wieder ausgleichen zu können. Hohe Kursverluste gibt es natürlich auch immer mal wieder bei Anleihen. Es sind dann aber in aller Regel Anleihen einzelner Unternehmen, bei denen das Risiko steigt, dass die festgeschriebenen Zinsen oder die Tilgung am Laufzeitende nicht planmäßig erfolgen werden. Auch Anleihen bestimmter Länder erleben Kursverluste, wenn die Bonität dieser Länder schlechter eingeschätzt wird. Das alles ist Normalität an den Rentenmärkten.

In den vergangenen Wochen erlitten aber auch Staatsanleihen hoher Bonität hohe Kursverluste, nicht, weil Zweifel an den Zins- und Tilgungszahlungen aufkamen, sondern aufgrund des allgemeinen Anstiegs des Zinsniveaus. Die Kursverluste an den Anleihemärkten erreichten nie zuvor gesehene Rekordhöhen. Nach monatelangen Kursverlusten beschleunigte sich die Talfahrt im März noch. Die laufende Verzinsung für US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit, die Anfang Dezember noch bis auf 1,34 Prozent gesunken war, schoss vor allem im März nach oben. Mit 2,50 Prozent wurde am 25. März die höchste Rendite seit Mai 2019 erreicht. Für das erste Quartal ergibt sich ein Anstieg um 83 Basispunkte auf 2,34 Prozent. Der Bloomberg US Treasury Index für US-Staatsanleihen verlor im ersten Quartal 5,6 Prozent. US-Staatsanleihen sind der größte und liquideste Markt der Welt. Dass es sich aber nicht um ein Problem der US-Staatsanleihen, sondern um einen weltweiten Kursrückgang handelt, zeigt der Blick auf andere Rentenindizes. So erlitt beispielsweise auch der AusBond Composite Bond Index mit 5,9 Prozent Verlust das schlechteste Quartalsergebnis seit über 30 Jahren. Die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen stieg im ersten Quartal um 82 Basispunkte auf 0,64 Prozent. Der Bund-Future, der die Kursentwicklung von Bundesanleihen an der Terminbörse wiedergibt, verzeichnete im ersten Quartal einen entsprechend hohen Kursverlust von 7,5 Prozent. Für den weltweiten Bloomberg Global Aggregate Index waren die ersten drei Monate mit einem Verlust von 6,2 Prozent das bislang zweitschlechteste Quartal seiner Geschichte.

Der Grund für die hohen Kursverluste ist die weltweit sprunghaft erhöhte Inflation. Sie kletterte in den USA über die 8-Prozent-Marke, ein 40-Jahres-Hoch, und in Europa mit 7,5 Prozent auf den höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung Euro vor über 20 Jahren. Das zwingt die Zentralbanken dazu, ihre sehr lockere Geldpolitik der vergangenen Jahre zu beenden und vergleichsweise schnell, ihre Anleihekäufe zu beenden und stattdessen ihre Leitzinsen zu erhöhen.

Die Kursverluste waren insbesondere bei Anleihen mit kürzerer Laufzeit ungewöhnlich hoch, weil die Märkte eine schnelle Reaktion auf die hohe Inflation erwarten, langfristig aber an eine Rückkehr zu niedrigeren Inflationsraten glauben. So verzeichneten die zweijährigen Renditen in den USA, Deutschland und Australien einen der stärksten Drei-Monats-Anstiege seit den 1990er Jahren.

Gerade solche „Kurzläufer“-Anleihen galten bislang als recht risikolos. Allerdings lagen ihre Renditen ohnehin unter Null. Dass „Geldparkplätze“ Negativ-Zinsen kosteten, war bekannt. Die Rückkehr zu höheren, in vielen Fällen jetzt erstmals wieder positiven Zinsen, bringt jetzt zusätzliche Verluste. Allein das Ausmaß der Kursverluste und die Schnelligkeit, mit der sie eingetreten sind, kann jetzt überraschen. Dass Anleihen ein schlechteres Rendite / Risiko – Verhältnis bieten als Aktien war aber schon vorher bekannt.

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