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Chinas Corona-Problem

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Der Corona-Virus hatte seinen Ursprung bekanntlich 2019 in China. Schon um den Jahreswechsel 2019/2020 hatte das Land mit einer Epidemie zu kämpfen – noch bevor daraus eine Pandemie wurde. Allerding war China nicht nur das erste Land, dass mit dem hochansteckenden Virus zu kämpfen hatte, es schien auch das erste zu sein, dass die Lage in den Griff zu bekommen schien.

Ähnlich wie Russland vermeldete man schon jetzt früh, einen Impfstoff entwickelt zu haben. Aber ähnlich wie bei dem russischen Impfstoff sollte sich zeigen, dass die Wirksamkeit weit hinter der von westlichen Impfstoffen zurückblieb.

Wie in Russland verbietet auch in China die staatliche Propaganda, die Unterlegenheit gegenüber dem Weste zuzugeben. Obwohl im Westen bereits ein Überschuss an Impfdosen vorliegt und die Verwendung hochwirksamer westlicher Impfstoffe „für kleines Geld“ möglich wäre, setzt China auf seine eigenen Mittel. Angesichts des geringen Schutzes durch die chinesischen Impfstoffe setzt Peking auf eine „Null-Covid-Strategie“, die auf rigide Kontaktbeschränkungen setzt. Aber in den letzten zwei Monaten ist die Zahl der bekannten Infektionen von einigen wenigen auf rund 25.000 Fälle pro Tag gestiegen. In Reaktion darauf verhängte die chinesische Regierung neue Lockdowns, was enorme wirtschaftliche Konsequenzen hat. Die Research-Spezialisten der japanischen Finanzholding Nomura schätzen, dass 356,5 Millionen Chinesen, die über ein Viertel der chinesischen Bevölkerung ausmachen, im Lockdown sind. Weil vor allem große Städte und kaum der ländliche Raum betroffen sind, fallen diesen Schätzungen zufolge 38,4 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung unter die aktuellen Lockdowns.

Chinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2022 im Jahresvergleich noch um 4,8 Prozent. Die Prognosen für das Gesamtjahr sind jetzt aber deutlich schlechter, vor allem wegen der Corona-Lockdowns. Und dies hat Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Aufgrund der strengen Anti-Corona-Maßnahmen fehlt ein Großteil der Hafenarbeiter und Lkw-Fahrer, was den gigantischen Außenhandel Chinas extrem einschränkt. In Shanghai warten mehr als 300 Schiffe auf ihre Entladung, im Februar waren es nur 50. Die Situation hat sich verschärft und ist derzeit noch schlimmer als in den Jahren 2020 und 2021.

Der Rückgang des privaten und geschäftlichen Autoverkehrs und des Flugverkehrs verringert den Benzinverbrauch und damit die Ölnachfrage auf dem Weltmarkt. Drei von vier Inlandsflügen in China finden nicht mehr statt. Die chinesische Ölnachfrage dürfte in diesem April etwa neun Prozent unter der vom April 2021 liegen. Das entspricht einem Rückgang um 1,2 Millionen Barrel pro Tag.

Obwohl dies den Ölpreisanstieg auf dem Weltmarkt etwas bremst, wirkt das Corona-Problem weltweit insgesamt aber wohl inflationserhöhend. Denn die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern übersteigt derzeit das Angebot. Insbesondere die Nachfrage nach Haushaltsgeräten und IT-Hardware ist weltweit stark gestiegen. Ein Großteil davon wird normalerwiese in China montiert. Die Beeinträchtigung der chinesischen Lieferketten wird dieses Ungleichgewicht noch verstärken. Ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage führt zu Preisveränderungen. Gilles Seurat, Fondsmanager bei La Française Asset Management, nennt als gutes Beispiel dafür die deutsche Automobilindustrie, die sowohl die Lieferfristen auf manchmal mehr als ein Jahr verlängert als auch die Preise erhöht hat. Der von ihm erwartete Inflationsanstieg habe verschiedene Folgen für die Finanzmärkte. Er rechnet bei den Zentralbanken mit einer Fortsetzung ihrer eingeleiteten Straffungspolitik. Die Experten bei der Fondsgesellschaft La Française erwarten deshalb, dass die Renditen von Anleihen mit kurzer bis mittlerer Laufzeit eher steigen als sinken werden. Dies gelte weniger für Anleihen mit langen Laufzeiten, da die Nachfrage einiger Anleger langsam wieder zunehme.

Auch andere Fondsmanager sehen erhebliche Auswirkungen der Probleme Chinas auf die Weltwirtschaft. So rechnet auch Jeff Meys, Fondsmanager bei NN Investment Partners, damit, dass die Lieferketten wahrscheinlich weiterhin unter Druck bleiben. Sollten die Corona-Fälle in Asien weiter zunehmen und China seine Null-Covid-Politik beibehalten, könnte dies ein Risiko für die globalen Lieferketten darstellen. Er verweist darauf, dass die Frachtpreise für Exportcontainer in Schanghai seit 2020 bereits stark angestiegen sind, und zwar um das Fünffache im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie. Zu Verzögerungen bei der Verschiffung komme es auch aufgrund der zusätzlichen Maßnahmen, die zur Reinigung der Waren in den Häfen durchgeführt werden. Sowohl die steigenden Kosten als auch die Verzögerungen bei der Verschiffung könnten die Kosten für die chinesischen Hersteller in die Höhe treiben und weltweit zu einer höheren Inflation führen. Diese höhere angebotsbedingte Inflation könnte das globale Wachstum in einer Zeit dämpfen, in der die großen Volkswirtschaften bereits durch eine rekordhohe Inflation und ein verlangsamtes Wachstum belastet sind.

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