Wer mit Fondsmanager spricht und die Einschätzungen der Fondsgesellschaften liest, stößt auf ganz ähnliche Meinungen wie vor einem halben Jahr. Der größte Belastungsfaktor, der Zinsanstieg, setzt sich noch fort, eine Umkehrung im zweiten Halbjahr erwarten nur wenige. Immerhin: Die Hoffnung vom Jahresbeginn, dass die Inflationsspitze hinter uns liegt, hat sich bestätigt. Die Inflationsraten sind klar rückläufig. Dies ist allerdings auch fast schon der einzige Lichtblick, denn andere Hoffnungen wurden eher enttäuscht: China sollte nach dem Ende der Corona-Lockdowns einen starken Nachholeffekt erleben und damit Wachstumsimpulse für die Weltwirtschaft erzeugen. Danach sieht es Mitte 2023 nicht aus, im Gegenteil. Insgesamt bleiben die Rahmenbedingungen für das weltweite Wachstum schlecht. Unter anderem ist der globale Einkaufsmanager-Index jüngst unter den Schwellenwert von 50 gerutscht. Das Umfeld für Aktieninvestments sieht nicht gut aus. Die mit Zeitverzögerung wirkende Bremspolitik der Notenbanken, wegfallende fiskalische Unterstützung, der Abbau der Überschuss-Ersparnisse aus Corona-Programmen und damit realer Kaufkraftverlust der Konsumenten müssten die weitere wirtschaftliche Entwicklung belasten. Schwache Produktionsdaten, die Ankündigung weiterer Zinserhöhungen durch die Notenbanken, eine im historischen Vergleich auffallend inverse Zinsstrukturkurve, sich weiter verschlechternde Finanzierungsbedingungen und der größte Liquiditätsentzug der Geschichte sprechen gegen steigende Aktienkurse. Umso bemerkenswert ist, dass all diese Belastungsfaktoren im Laufe der vergangenen Monate immer wieder beiseitegeschoben wurden. Viele Aktienindizes verdanken ihre Gewinne aber nur wenigen großen Aktien, insbesondere den US-Tech-Giganten, den „glorreichen Sieben“: Apple, Alphabet („Google“), Amazon, Microsoft, Meta („Facebook“), Tesla und Nvidia. Zwar liegt es in der Natur marktkapitalisierungsgewichteter Aktienindizes, dass wenige Aktien mit hohem Gewicht den Index dominieren, während viele kleine Titel kaum Einfluss haben. Die Konzentration der meisten Anleger auf wenige, sehr große Tech-Giganten ist jetzt aber noch größer als bei der TMT-Blase 1999, als die Euphorie auch Aktien mit weniger herausragender Marktkapitalisierung galt, sich das Anlegergeld also auf viel mehr Einzeltitel verteilte.
So wurde auch der Anstieg von Indizes, die auf den ersten Blick aufgrund der großen Zahl der eingerechneten Aktien diversifiziert erscheinen, wie S&P-500 oder MSCI-Welt fast ausschließlich von diesen wenigen Aktien getragen. Eine Konzentration auf wenige „Super-Aktien“ ist in der Börsengeschichte allerdings noch nie auf Dauer gut gegangen. Hier galt immer „what goes up, must come down“. Entweder die „Über-Investiertheit“ in den wenigen Aktien entlud sich in einem Crash, einer Baisse oder in einem allmählichen Abstieg und Austausch der Favoriten. Letzteres würde verträglicher über die Bühne gehen – und hat im Grunde schon begonnen: Ursprünglich stand das „N“ in den einschlägigen Kürzeln der Super-Aktien (wie „FANG“) für Netflix. Inzwischen wird die Aktie nicht mehr zu den „fabolous five“ oder „glorious seven“ gezählt und das „N“ steht für Nvidia.
So bleibt zu hoffen, dass sich das Karussell der Börsen-Lieblinge stetig weiterdreht und die Skepsis der Fondsmanager und Kapitalmarktexperten genau der Nährboden bleibt für weiter freundliche Aktienmärkte.
