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China im Jahr des Umdenkens

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Seit vielen Jahren galt China als stetig größer werdender Glücksfall für Weltwirtschaft und weltweit agierende Anleger. Das Jahr 2021 beschädigt diesen Nimbus, ja, liefert sogar genug Gründe, über die Rolle von China nachzudenken – auch für Anleger. Die schlechte Performance des chinesischen Aktienmarktes im bald zu Ende gehenden Jahr ist sicherlich eine der größeren Überraschungen: Für die ersten elf Monaten dieses Jahres verzeichnet der MSCI China einen Verlust von 14,6 Prozent! Bei den von uns im Januar dieses Jahres befragten Kapitalmarktexperten und Fondsmanagern hatte das keiner auf dem Schirm.

2021 wurde das Jahr, in dem die Gründe für die Underperformance und die Gründe, über die langfristige Rolle von China nachzudenken, offenkundig wurden:

Da ist zum einen der „Regulations-Hammer“, den die Pekinger KP-Führung, ohne Rücksicht auf Verluste geschwungen hat (siehe vorausgegangene Ausgaben des FondsScout). Zudem werden Partei und Land zunehmend auf einen Alleinherrscher, nämlich „Präsident auf Lebenszeit“ Xi Jinping eingeschworen. Es wäre schon fahrlässig, diese Entwicklung nicht sorgenvoll zu beobachten. In der Türkei startete Präsident Erdogan auch als jemand, dem wirtschaftliche Erfolge Rückhalt in der Bevölkerung gaben. Inzwischen ist die Türkei ein Beispiel dafür, wie ein dogmatischer und selbstherrlicher Alleinherrscher eine Volkswirtschaft zugrunde richten kann. Ja, davon ist China im Jahr 2021 noch weit entfernt. Wenn man aber dereinst fragen wird, wann die Probleme ihren Ursprung hatten, wird die Suche ins Jahr 2021 führen, als man eine dauerhafte Alleinherrschaft eines von ideologischen Zielen geleiteten Staatspräsidenten ermöglichte. Neue Diktatoren starten fast immer mit wirtschaftlichen Erfolgen.

Die zunehmende Konfrontation zwischen China und den USA ist ein Risiko, in dem sich die zunehmend dogmatische Politik Pekings schon in den nächsten Jahren manifestieren wird. Die Börsen hat dies schneller erreicht, als die meisten vermuteten: Noch bis vor wenigen Monaten galt ein Börsengang in den USA bei vielen chinesischen Aktiengesellschaften als probates Mittel zur Eigenkapitalbeschaffung. Auch in dieser Hinsicht markiert 2021 das Jahr des Umdenkens: Der KP ist eine Börsennotiz in den USA ein Dorn im Auge. Gesetze, die dies zunehmend erschweren, sind bereits in Kraft, und Anfang Dezember schockte der chinesische Fahrdienstvermittlers Didi Chuxing Anleger mit der Nachricht, sich von der Nasdaq-Notierung wieder zurückzuziehen. Dabei war Didi erst vor einem halben Jahr war fulminant an der US-Börse gestartet. Der Fahrdienstvermittler hatte 4,4 Milliarden Dollar eingesammelt und erzielte damit den zweitgrößten Börsengang eines chinesischen Unternehmens in den USA nach dem Online-Riesen Alibaba 2014. Zwischenzeitlich erreichte Didi einen Börsenwert von 80 Milliarden Dollar. Doch schon wenige Tage nach dem Börsengang in New York erhöhte Peking den Druck auf das Unternehmen: Die Didi-App wurde auf Anordnung der Regulatoren aus den App-Stores in China verbannt. Es seien schwerwiegende Verstöße bei der Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten festgestellt worden. Wie beim US-Pendant Uber ist die Vermittlung von Pkw-Fahrten über eine Smartphone-App die zentrale Leistung des Unternehmens. Jetzt gab Didi bekannt, das Verfahren zum Delisting an der Nasdaq einzuleiten. Stattdessen werde eine Notierung an der Hongkonger Börse angestrebt. Der Kurs der Didi-Aktie brach nach der Ankündigung des Rückzugs um mehr als 15 Prozent ein und belastete andere chinesische Aktien, die an der Nasdaq notieren.

Vergleichsweise gelassen nahm der Markt die jüngsten Nachrichten um die Insolvenz großer chinesischer Immobilienkonzerne hin. Die Ratingagentur Fitch stufte das Ausbleiben fälliger Zinszahlungen bei Anleihen von Evergrande und dem kleineren Rivalen Kaisa als vorläufigen Zahlungsausfall ein. Diese Bewertung liegt nur eine Stufe über einem kompletten Ausfall. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hatte schon erklärt, dass sie einen Zahlungsausfall bei Evergrande für unvermeidbar halte. Allein dieser Konzern ist mit umgerechnet rund 300 Milliarden Dollar verschuldet. Noch im vergangenen Jahr hätte wohl eine Mehrheit der Kapitalmarktexperten Unternehmenspleiten dieser Größenordnung in China ausgeschlossen. Nun machte Peking deutlich, dass es keine staatliche Rettungsaktion geben werde. Obwohl eine Pleite von Evergrande, Kaisa und anderen Immobilienunternehmen wohl keine internationale Finanzkrise wie 2008 auslösen wird, bringt auch in dieser Hinsicht das Jahr 2021 die Notwendigkeit umzudenken. Letztendlich waren es verschärfte Regeln Pekings für die Immobilienbranche, die die Konzerne nun zu Fall bringen.

Erst recht ausländische Aktionäre und Anleihegläubiger dürfen von der chinesischen Führung wohl kaum mit Schutz rechnen. Am Markt für chinesische Auslandsanleihen sind die Kurse für Unternehmensanleihen schwacher Bonität seit Mitte September schon um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Einzig und allein der Nutzen ausländischen Kapitals dürfte bis auf weiteres dagegensprechen, internationale Anleger gänzlich zu verschrecken.

Fazit: China-Investments sollten strategisch, also langfristig, mit höherer Vorsicht betrachtet werden. Dies gilt beispielsweise in Relation zum MSCI Emerging Markets, wo China mit gut einem Drittel das Indexschwergewicht ist. Rechnet man Taiwan hinzu, kommt man sogar auf fast 50 Prozent Anteil. Langfristig dürfte es unter Risikogesichtspunkten sinnvoller sein, die nachfolgenden Länder gegenüber dem Index höher zu gewichten: Korea, Indien und sogar Brasilien. Taktisch, also mit Blick auf das Jahr 2022, darf man auf eine Kurserholung am chinesischen Aktienmarkt hoffen, der in diesem Jahr viele Schläge hinnehmen musste. Eine solche Kurserholung könnten dann auch Anleger in MSCI Emerging Markets ETFs nutzen, um dieses passive Instrument durch gut gemanagte aktive Emerging Markets Fonds zu ersetzen, denn dieses Jahr hat die Risiken von Klumpenrisiken bei vermeintlich breit gestreuten Indexfonds gezeigt.

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