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Anleihen: Kursverluste mit Ansage?

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Alle verfügbaren Informationen werden an den Börsen sofort eingepreist. Die Kurse spiegeln somit stets die durchschnittlichen Erwartungen der Marktteilnehmer wider. Soweit die Theorie der effizienten Märkte.

Alle verfügbaren Informationen werden an den Börsen sofort eingepreist. Die Kurse spiegeln somit stets die durchschnittlichen Erwartungen der Marktteilnehmer wider. Soweit die Theorie der effizienten Märkte. Kursverluste mit Ansage darf es demnach nicht geben. Nur Informationen, die von den bisherigen Erwartungen abweichen, lösen Kursveränderungen aus. Tatsächlich ist es hilfreich, sich oft an die Theorie der effizienten Märkte zu erinnern: Sie erzeugt die angemessene Demut vor dem Markt. Natürlich lebt aktives Fondsmanagement davon, die Märkte nicht für ganz so effizient zu halten, sonst wäre der Aufwand aktiven Managements kaum zu rechtfertigen.

Manchmal scheint die Mehrheit der Marktteilnehmer in ihren Erwartungen bestätigt zu werden: Es kommt zu Kursbewegungen, die scheinbar nicht auf den Abweichungen von den vorherrschenden Erwartungen ausgelöst werden, sondern davon, dass die vorherrschenden Erwartungen eintreten. Wie sind in diesem Lichte die jüngsten Kursverluste an den Anleihemärkten zu werten?

Dass Anleihen, insbesondere solche mit langer Kapitalbindung („Duration“) ein schlechtes Rendite / Risiko – Verhältnis bieten, ist seit langem die vorherrschende Meinung. Trotzdem kam es seit Mitte Dezember zu hohen Kursverlusten. Vor allem die mittelfristigen Renditen stiegen schnell. Am kurzen Ende, dem Geldmarkt, werden steigende Leitzinsen eingepreist. Die Federal Reserve signalisierte den Märkten, dass es allein in diesem Jahr fünf Zinserhöhungen in den USA geben dürfte. Die Bank of England hob ihren Leitzins schon auf 50 Basispunkte an. Inzwischen darf das 2021er Narrativ der Notenbanken, bei dem Inflationsanstieg handele es nur um ein vorübergehendes Phänomen, das keine Gegenmaßnahmen erfordere, als widerlegt angesehen werden. Nun überwiegen die Marktkommentare, die hohe Inflation vorhersagen. Das Überraschungspotenzial, dass bis vor wenigen Wochen noch auf der anderen Seite groß war, öffnet sich nun auf der gegenüberliegenden Seite.

Die langfristigen Renditen zeigen sich weniger beeindruckt: An 30 Jahre hoher Inflation glauben die wenigsten. Und man sollte sich jetzt daran erinnern, dass es ein ganzes Bündel von langfristigen, aggregierten, demografischen, technologischen und produktivitätsbezogenen Faktoren gibt, die der Inflation entgegenwirken. Ein Szenario, in dem sich die Inflationsraten in den westlichen Volkswirtschaften um zwei Prozent einpendeln bei eher bescheidenem Wirtschaftswachstum, ist für das Jahr 2025 oder 2030 wahrscheinlicher als die jetzt in den Köpfen herumspukenden Ängsten vor galoppierender Inflation wie in den Jahren um 1980 herum. Die langfristigen Renditen in den Industrienationen steigen diesmal vielleicht nicht über drei Prozent.

Was bedeutet das für die Leitzinserhöhungen der Notenbanken? Die Anhebungen der Fed müssten nicht weit über zwei Prozent reichen, die der Bank of England vielleicht nur bis 1,5 Prozent. Und bei der EZB dürfte der bevorstehende Zinserhöhungszyklus schon bei vielleicht einem Prozent enden. Sorgen, die Zinslasten würden die Schuldentragfähigkeit diese Staaten übermäßig strapazieren, wären dann wohl auch unbegründet. Und die Rentenmärkte könnten die schlimmsten Kursverluste jetzt schon hinter sich haben. Zumindest Tempo und Ausmaß der Kursverluste aus den vergangenen Wochen werden sich so wohl nicht fortsetzen.

Es bleiben eben doch die Abweichungen von den vorherrschenden Erwartungen, die die Börsen bewegen - ganz im Sinne der Theorie der effizienten Märkte.

 

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