Untersucht man die Gründe, war einmal mehr die schlechte Stimmung unter Aktieninvestoren der Nährboden für die Kursgewinne. Entsprechend unterinvestiert waren die Anleger in Aktien zu Jahresbeginn. Nicht wenige spekulierten auf eine Fortsetzung der Abwärtstrends, waren entsprechend „short“ positioniert und deckten diese Positionen rasch bei Beginn der Kurserholung ein, was ebendiese befeuerte. Binnen des ersten Halbjahres dreht sich die Stimmung, insbesondere unter US-Aktienanlegern um 180 Grad: Unlängst wurden in den USA Rekordzuflüssen in den Aktienmarkt vermeldet. Sentiment-Indikatoren wie der „Fear and Greed“-Index zeigen hohen Optimismus. Er gilt vor allem den Technologie-Aktien, insbesondere solchen, die das Thema „Künstliche Intelligenz“ besetzen. Gerade angesichts einer zunehmenden konjunkturellen Schwächephase suchen Investoren Wachstum. Die Schere zwischen Wachstums- und Substanzaktien, die sich 2022 schloss, hat sich in diesem ersten Halbjahr wieder geöffnet: Während der MSCI Value gerade mal ein Plus von 2,5 Prozent vorweisen kann, steht der MSCI Growth gut 22 Prozent höher als bei Jahresbeginn.
Wie stehen die Chancen auf eine Fortsetzung dieser Trends im weiteren Jahresverlauf? Ein baldiges Nachgeben im Kampf gegen die Inflation ist nicht zu erwarten. Die hohen Kerninflationsraten zeigen, dass längst nicht nur zwischenzeitlich hohe Energiepreise die Inflation nach oben getrieben haben, sondern inzwischen Zeitrundeneffekte drohen, die Inflationsspirale dauerhaft anzutreiben. Der Liquiditätsentzug durch die Notenbanken ist vor diesem Hintergrund notwendig, aber er dürfte noch im Laufe dieses Jahres sowohl in der Realwirtschaft als auch an den Börsen spürbarer werden. Eine breite Hausse erscheint vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich bis unmöglich. Entscheidend für die Aktienmärkte wird sein, ob die Gewinne der Unternehmen ihre hohen Niveaus trotz der weltweiten Konjunkturabkühlung halten können. Europa steckt bereits in einer Schwächephase. Die früheren Konjunkturlokomotiven USA und China werden dieser Funktion in absehbarer Zeit nicht wieder übernehmen. Peking sieht sich erheblichen strukturellen Problemen gegenüber. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, aber zins- und fiskalpolitischen Stimulierungen würden die weitere Fehllenkung von Kapital begünstigen. Die Blase auf dem chinesischen Immobilienmarkt ist keineswegs verarbeitet.
Wie sollten sich Anleger also in dieser wachstumsschwachen Phase positionieren? Anleihen, die bis 2021 ein zunehmend schlechteres Rendite / Risiko – Profil zeigten, können grundsätzlich wieder eine größere Rolle spielen, auch wenn sie eher als Stabilisator fungieren denn als Quelle hoher Renditen. An den Aktienmärkten sind die Wachstumsprämien im ersten Halbjahr für Technologie-Aktien im Allgemeinen und KI-Aktien im Besonderen so stark gestiegen, dass man davon abraten muss, jetzt noch auf diesen Zug aufzuspringen. Die Gefahr, dass die hohen Erwartungen enttäuscht werden, sind gewachsen. Bei vielen zyklischen, also konjunkturabhängigen Aktien sind dagegen schlechtere Erwartungen an die Entwicklung der Unternehmensgewinne eingepreist. Wo Bewertungen im internationalen Vergleich noch günstig sind, kann sich das positive Momentum aus dem ersten Halbjahr vielleicht auch im zweiten Halbjahr fortsetzen. Japan bleibt unter diesem Aspekt interessant.
